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Poesieseite

Gewinne oder verliere...

Ich habe gewonnen, sagen sie. Gewonnen...und doch auch verloren. Der Weg zum Ziel, ein Kampf um den ersten Platz. Schweiß, der von den unzähligen Körpern floss. Blut und Schweiß und Tränen. Tränen, die über meine trockene Haut rannen und auf den Boden tropften. Immer und immer und immer wieder. Schreie, die in meinen Ohren erklangen. Lauter und immer, immer lauter. Blicke, die sich in meinen fraßen. Intensiver und immer, immer intensiver. Bis sie plötzlich verschwunden waren, bis sie nicht mehr existierten, bis das Augenlicht erloschen war, bis die Schreie verstummt waren, bis die Tränen für immer den Körper verlassen haben und bis der Geist auf ewig von der Erde verschwand.

Gewinnen. Ich habe gewonnen. Ich habe getrumpft. Ich habe gesiegt und trotzdem habe ich verloren. Ich habe einen Pokal bekommen, eine Trophäe, eine Medaille... und trotzdem habe ich verloren. Ich wurde bejubelt, beglückwünscht, geehrt und trotzdem habe ich verloren.

Ich verlor mich selbst. Ich wusste nicht mehr, wer ich war. Ich wusste nicht mehr, wo ich war. Ich wusste nicht mehr, was ich war. Ich wusste nur, dass ich verloren hatte. Verloren in dem Druck der anderen. Verloren zwischen der Leistung und dem Sieg und verloren in der Nichtexistenz einer Niederlage. Ein Kampf. Es ist ein Kampf zwischen Erfolg und Misserfolg. Gewinne und trumpfe -  oder verliere und gehe unter. Ich habe gewonnen und getrumpft – und ich bin untergegangen. Untergegangen in einem Strudel voller Emotionen und Unwissenheit, voller Hass und Empfindungen. Ich wurde immer weiter herunterzogen, bis ich auf dem Boden aufkam. Ich sank immer tiefer und schlug auf dem Grund auf. Ich verlor.... Ich verlor meinen Atem, ich verlor mein Leben und ich verlor meine Existenz. Ich verlor meinen Lebenssinn und das, was mich ausmachte. Ich verlor das, was ich liebte und gewann das, was ich hasste. Den Sieg... Den Sieg über andere. Sie platzierten mich auf einem Podest und feuerten mich an. Sie hoben mich heraus und stellten mich über meine Mitstreiter. Ich trumpfte und siegte und gewann. Ich gewann einen Wettkampf und noch einen und noch einen. Und dann gewann ich Verachtung. Ich fiel und sank und ging unter. Eifersucht erdrückte mich. Neider beschimpften mich. Freunde verließen mich und ich, ich verließ mich auch. Gewinnen...es brachte mich fast um. Die Beste zu sein, es erdrückte mich. Die Zeit holte mich ein und der Druck wurde größer.  Die Zeit rannte und der Druck wuchs. Er wuchs, er spross und er gedieh. Ich trainierte und übte und probte, bis ich nicht mehr konnte. Doch der Druck verschwand nicht, nein, er stieg ins Unermessliche. Ich gab auf. Ich gab mich auf. Doch der Druck erhöhte sich immer mehr. Und dann... dann verschwand ich. Das Gewinnen besetzte mich und nahm mich ein. Ich verschwand aus meinem Körper und ich wusste, dass ich nicht gewonnen hatte. Nein, ich hatte verloren.

Vera Wange

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